Kurioses aus dem irischen Pub: Wenn der Wirt auch dein Bestatter ist
„Der Wirt war der Mann, der die Einheimischen getauft, getraut und beerdigt hat“. Dies sagt John O'Dwyer ein Pubbesitzer in Dublin.
Eine Aussage, die historisch belegt werden kann.
Oftmals verfolgten Pubbesitzer verschiedene Karrieren.
Landwirt, Tante-Emma-Laden-Besitzer, Briefträger oder Auktionator. Da das ländliche Leben sich oft um den Pub drehte, erfüllte der „Publican“ die entsprechenden Aufgaben.
Die aussergewöhnlichste Rolle war jedoch diejenige des Bestatters.
Ja, du hast richtig gehört. Der Wirt ist noch heute in, allerdings nur noch wenigen Fällen, der Leichenbestatter.
Woher dies kommt, erläutern wir später.
Zuerst schauen wir auf eine Pint vorbei in der Grafschaft Tipperary. Bei McCarthys in Fethard, um genau zu sein.
„McCarthys Hotel and Pub“. So steht es in schwarzer Schrift auf Milchglas an der Eingangstüre dieses traditionellen Pubs. In den oberen Räumen zeugen die Zimmernummern an den Türen davon, dass hier einst Gäste genächtigt haben. Hotelgäste hat das Haus aber schon lange keine mehr gesehen.
Das Geschäft wurde schon vor vielen Jahren auf das Wichtigste reduziert.
Bier ausschenken und … bestatten.
Als Gastgeber führt Jasper McCarthy den Familienbetrieb in der fünften Generation. Die beiden unterschiedlichen Geschäftsfelder lernte der junge Jasper von der Pike auf von seinen Eltern.
Mit 10 Jahren trank er seine erste Pint.
Drei Jahre später bestattete er seine erste Leiche.
Noch heute halten viele Besucher die Sache mit dem Leichenbestatter für einen Witz.
Einige müssen von Jasper überzeugt werden, indem er ihnen die Särge oder den Leichenwagen im alten Pferdestall zeigt.
Der Pub kann auf viele illustre Gäste zählen. So landete der Ex-Formel-1-Rennfahrer Eddie Jordan mit dem Helikopter auf der nahen Wiese. Er und seine Crew gönnten sich im Pub eine schöne Pint Guinness. Aber auch Fussballtrainer Legende Sir Alex Ferguson, sowie der Boxer George Foreman und sogar die Presleys gaben sich die Ehre.
Sein „Local“ darf Andrew Lloyd-Weber das McCarthys nennen. Er besitzt in der Nähe von Fethard ein Schloss.
Nett, oder?
Doch wie kommt es, dass Pubbesitzer sich auch als Leichenbestatter betätigen?
Wie der Publican zum Leichenbestatter wurde
Dieses unkonventionelle Geschäftsmodell verfolgt nicht nur das McCarthys. In Irland gibt es noch heute etwa 100 Wirte, die nebenbei den Job des Bestatters ausüben.
Der irische Pub diente oft auch als Baumarkt, Lebensmittelgeschäft, Metzgerei oder Tischlerei. Das war nicht nur praktisch für die Einwohner, sondern bescherte dem „Publican“ ein Nebeneinkommen.
Tom O'Neill, ein Kutscher aus Dublin, erinnert sich in „Dublin Pub Life and Lore: An Oral History“:
„In einem Pub konnte man alles kaufen, von der Nadel bis zum Anker.“
Der Pub war und ist für die Iren DER Treffpunkt für soziale Kontakte. Das gesellschaftliche Leben der Einheimischen konzentriert sich gerade auf dem Land auf die „Public Houses“.
Selbst nach dem Ableben.
Die traditionellen Totenwachen sind bis ins 20. Jahrhundert rauschende Feste gewesen. Whiskey und Bier flossen in rauen Mengen. Das Leben des Verstorbenen sollte auf diese Weise im Pub noch einmal richtig gefeiert werden. Eine „Wake“ ist eine lebhafte Zusammenkunft.
Das Lied „Tim Finnegan’s Wake“ bringt dieses kulturelle Phänomen auf den Punkt, indem es die humorvolle und lebhafte Atmosphäre von Totenwachen in der irischen Gesellschaft beschreibt.
Mit seinem Text feiert das Lied das Leben und die Widerstandsfähigkeit im Angesicht des Todes und spiegelt die tief verwurzelten Traditionen und das erzählerische Erbe Irlands wider.
„Wakes“ sind ein fester Bestandteil der irischen Kultur. Sie zeigen die Fähigkeit der Gemeinschaft, selbst in düsteren Momenten Freude und Humor zu finden. Die Totenwache betont die Bedeutung von Kameradschaft und gemeinsamen Erlebnissen in der irischen Gesellschaft.
Der Beginn der Tradition der Bestattung durch den Publican lässt sich auf die Zeit der grossen Hungersnot zurückführen. Dazumal waren die Leichenhallen masslos überfüllt und deswegen wurde ein Gesetz erlassen. Dieses verlangte, dass Verstorbene in den nächsten Pub gebracht werden mussten.
Die Wirte waren verpflichtet, die Leichen so lange im kühlen Keller zu lagern, bis eine Untersuchung stattfinden konnte. Ausserdem wurde so verhindert, dass sich Infektionen verbreiteten oder die Körper von wilden Tieren gefressen wurden. Wer sich weigerte, Leichen im Bierkeller zu stapeln, wurde mit einer hohen Busse bestraft.
Die Pubs hatten zu dieser grausamen Zeit sprichwörtlich „Leichen im Keller“
Das angesprochene Gesetz war noch bis 1962 in Kraft. Durchgesetzt wurde es aber kaum noch. Mit dem Aufkommen moderner Bestattungsinstitute verlor die Praxis, Leichen in Pubs aufzubahren und zu besichtigen, an Bedeutung. Die Zeiten haben sich geändert, und die meisten Pubs haben sich von ihren ungewöhnlichen Nebentätigkeiten verabschiedet.
Man könnte sagen, sie haben sich von „Leichen im Keller“ zu einem reinen Bierausschank entwickelt.
Ob dies jeder Gast bedauert?
Es ist beruhigend zu wissen, dass der Barhocker der passende Ort zum Sterben ist und der Wirt sich um einen kümmern wird.
Die Tage der Gastwirte, die gleichzeitig als Bestatter tätig waren, sind ein Zeugnis für die Treue und Tradition der irischen Familie und Tradition.
In diesem Sinne. Slainte!
Bildquelle: William Murphy, Sin É In Coburg Street (Cork City) - Live Music Next Door To a Funeral Home. Lizeniert unter CC BY 4.0


