Eine Geschichte von reetgedeckten Cottages: Eine Reise durch Irlands verblassendes Erbe
Von Rebellen und Reetdächern: Irlands Geschichte hautnah
Father John Murphy war auf der Flucht.
Als einer der Anführer der Rebellion von 1798 im County Wexford war er ein von den Engländern gesuchter Mann.
John fand auf der Flucht Unterschlupf bei Freunden und Fremden. Eine dieser Fremden war eine protestantische Frau.
Als sie vom Suchtrupp gefragt wurde, ob hier ein katholischer Priester namens John Murphy vorbeigekommen sei, antwortete die Frau: „Nein, kein einziger Fremder ist hier vorbeigelaufen“.
Später wurde die Frau erneut gefragt, warum sie gelogen habe. Schliesslich sei Father Murphy und sein Freund Gallagher hier vorbeigekommen.
Die Protestantin erklärte sich dahin gehend, dass zu dem Zeitpunkt die beiden nicht am Haus vorbeigekommen sei.
Murphy und Gallagher seien da im Haus drin gewesen.
Wir können vermuten, dass das Zufluchtshaus ein traditionell mit Stroh bedecktes Cottages gewesen ist.
Aber hat Father Murphy noch mehr mit strohgedeckten Häusern zu tun?
Du wirst es gleich erfahren.
Die Tradition des Strohdachs in Irland
Bildquelle: Thatched Cottage, Co Meath
cc-by-sa/2.0 - © C O'Flanagan - geograph.org.uk/p/1860561
Stell dir vor, du hättest vor mehr als hundert Jahren eine Rundreise mit dem Miet-Pferdewagen durch Irland unter die Hufe genommen.
Bei der Fahrt durch die kurvenreichen Strassen des ländlichen Irlands wäre dir eines aufgefallen.
Die Landschaft ist übersät mit strohgedeckte Häuschen.
Einige davon vielleicht strohgedeckte Ferienhäuser? Eher nicht.
Diese einzigartigen Gebäude mit den Dächern aus Weizen und Flachs gehören schon seit Generationen zur irischen Landschaft.
Bei einer Rundreise in der heutigen Zeit wirst du diese traditionellen Cottages leider nur noch selten treffen.
Nur die älteren Menschen erinnern sich an die Cottages, die einst das Herz der irischen Gemeinden gewesen sind.
Die Modernisierung machte den Schilfdächern den Garaus. Auch hatten schon zur Zeit der noblen englischen Gesellschaft, welche in Irland im 19. Jahrhundert herrschte, die strohgedeckten Cottage einen schlechten Ruf.
Nur arme Leute hausten in ihnen.
Dabei reicht die Tradition der strohgedeckten Cottages in Irland bis ins 16. Jahrhundert zurück.
Damals nutzte man ausschliesslich lokale Materialien: Lehm und Stein für die Mauern kamen direkt aus dem Erdboden der jeweiligen Region. Die Balken für den Dachstuhl wurden entweder aus den damals noch vorhandenen Wäldern geholt oder aus den Sümpfen ausgegraben.
Diese Bauweise integrierte die Häuser nahtlos in die umgebende Landschaft, sodass sie buchstäblich ein Teil davon wurden.
Heutzutage werden für Strohdächer meist Weizen- oder Roggenstroh verwendet, alternativ auch Schilf, das als Ried oder Reet bekannt ist.
Bildquelle: Owen J. Dunbar, Facebook
Kyran O'Grady, ein erfahrener Reetdachdecker, gibt an, dass ein Reetdach im Durchschnitt 35–40 Jahre hält, bei guter Pflege sogar bis zu 60 Jahre.
In der Vergangenheit war Stroh die Hauptressource für die Dächer, da die Bauern in ihren Scheunen bereits grosse Mengen an gedroschenem Stroh lagerten. Durch den Einsatz von Mähdreschern in der modernen Zeit ist heutzutage viel weniger geeignetes Stroh vorhanden.
Paddy Fanning aus dem County Mayo ist einer der wenigen Reetdachdecker, die ihr eigenes Stroh ernten. Statt Maschinen setzt er im Frühling einen Esel ein, um das Land zu pflügen und Roggen zu säen.
Er erntet das Stroh sorgfältig mit einer Sense und droscht es anschliessend von Hand, um sicherzustellen, dass das Stroh nicht bricht.
Kyran bezieht sein Schilf aus Sumpfgebieten. Die Sprossen wachsen im Frühjahr und nehmen eine grüne Farbe an. Erst nach dem ersten Frost und dem Abfallen aller Blätter wird das Schilf geerntet.
Die etwa zwei Meter hohen, goldenen Stämme werden meist von Hand geschnitten und zu Bündeln verarbeitet. Diese werden getrocknet, gereinigt und sind dann einsatzbereit für das Reetdach.
Das Decken von Reetdächern war einst ein hoch angesehener Familienberuf, bei dem das handwerkliche Können vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde. Laut den Dachdeckern geht es nicht nur darum, ein schützendes Dach zu bauen. Vielmehr soll das Haus „atmen“ und leben.
Doch trotzdem trauen irische Versicherer den mit Stroh gedeckten Häusern nicht. Die Brandgefahr ist in deren Auge zu hoch.
Exorbitant hoch deshalb die Versicherungsprämie.
Aber die modernen Reetdachdecker widersprechen dem.
Reetdach-Cottages sind zwar naturgemäss brennbar, aber statistisch nicht anfälliger für Brände als Häuser mit konventionellen Dächern. Hauptursachen für Brände sind Funkenflug, Elektrodefekte und äussere Einflüsse wie Blitze.
Um das Risiko zu minimieren, werden spezielle Materialien wie das dichtere Kap-Schilf und feuerhemmende Tücher (FireBloc) verwendet, die Temperaturen bis zu 1.000 Grad Celsius standhalten können.
Reetdach-Cottages sind eine Schlüsselattraktivität im irischen Tourismus.
Bildquelle: Owen J. Dunbar, Facebook
Die irische Regierung bietet zwar Zuschüsse von bis zu €3,810 für Dachreparaturen an, aber das reicht nicht aus.
Ein Hauptproblem sind die hohen Versicherungsprämien, die Eigentümer wegen des erhöhten Brandrisikos zahlen müssen. Da die Beziehung zwischen Versicherer und Hausbesitzer als „kommerziell“ gilt, darf der Staat nicht regulierend eingreifen.
Deshalb wurde Ende 2022 eine dringend benötigte Reform des Versicherungsrechts gestartet. Ohne Änderungen könnten sich viele Eigentümer die Erhaltung ihrer Cottages in den kommenden Jahren nicht mehr leisten.
Aus meiner Sicht dürfen diese traditionellen Häuser, welche architektonische Meisterwerke sind, niemals aussterben.
Sie sind ein Symbol für irische Kultur. Auch künftige Generationen sollen die Möglichkeit haben, einen Einblick in die reiche Geschichte des traditionellen Hausbaus in Irland haben.
Vater John Murphy aus Boolavogue: Ein Geistlicher im Brennpunkt der Rebellion von 1798
Doch wer war dieser Eingangs erwähnte Father Murphy und was ist mit ihm geschehen?
Ein schicksalhafter Tag in Wexford verändert alles
Es schien ein ganz gewöhnlicher Tag in Boolavogue zu sein, einem unscheinbaren Flecken Erde in Wexford, bis die erschütternde Kunde eintraf.
Die Yeomanry, eine bewaffnete paramilitärische Einheit, hatte 28 Dorfbewohner auf grausame Weise hingerichtet. In diesem Moment spürte Vater John Murphy, der bisher zurückhaltende Landpfarrer, wie eine innere Verwandlung in ihm vorging. Er konnte nicht zusehen, wie die Katholiken getötet wurden.
Dieser Tag markierte den Auftakt des Wexford-Aufstands, einer der blutigsten Epochen in der irischen Historie, und plötzlich fand sich Murphy im Epizentrum des Geschehens wieder.
Die formenden Jahre des jungen Murphy
1753 erblickte John Murphy als eines von fünf Kindern einer ländlichen Familie nahe Ferns das Licht der Welt. Seine ersten Bildungserfahrungen machte er in einer Heckenschule (Hedge School) und später unter der Anleitung des örtlichen Geistlichen, Dr. Andrew Cassin SJ.
Murphy war eifrig. Neben den Landessprachen Irisch und Englisch lernte er auch Spanisch, Latein und Griechisch. Nach seiner Priesterweihe zog es ihn nach Sevilla, um Theologie zu studieren.
Als er nach Irland zurückkehrte, ahnte er noch nicht, dass er bald eine Schlüsselrolle im irischen Freiheitskampf einnehmen würde.
Ein Land an der Schwelle zur Veränderung
Zu jener Zeit war Irland eine britische Kolonie, und Katholiken waren weitgehend entrechtet.
Doch der Wind der Veränderung wehte.
Die amerikanische und die Französische Revolution hatten ihre Spuren hinterlassen, und einige irische Protestanten begannen, für die Unabhängigkeit und die Rechte der Katholiken einzutreten.
Sie gründeten die United Irishmen im Jahr 1791. Der für Mai 1798 geplante Aufstand scheiterte jedoch kläglich.
Der Funke, der die Rebellion entfachte
Bischof James Caulfield, ein Mann mit königstreuen Überzeugungen, forderte die Katholiken auf, ihre Waffen niederzulegen. Murphy folgte dieser Aufforderung anfangs. Doch nach dem Massaker durch die Yeomanry konnte er nicht mehr tatenlos zusehen.
Er und seine Mitstreiter griffen die Yeomanry an, die gerade dabei waren, Boolavogue in Schutt und Asche zu legen.
Der Wexford-Aufstand nahm seinen Anfang. Es war ein Volksaufstand, der zwar von den vereinigten Iren unterstützt wurde, aber vor allem von den einfachen Menschen getragen wurde.
Ein tragisches Ende und ein unauslöschliches Vermächtnis
Trotz einiger militärischer Erfolge wurden die Rebellen schliesslich am Vinegar Hill geschlagen. Murphy wurde gefasst und zum Tode verurteilt. Sein Leichnam wurde geschändet, sein Haupt auf einen Pfahl gespiesst.
Doch sein Vermächtnis ist unauslöschlich. Der Wexford-Aufstand zählt zu den blutigsten Kapiteln der irischen Geschichte.
Das Vater John Murphy 1798 Zentrum: Ein lebendiges Stück irischer Geschichte zum Anfassen
In diesem Bauernhaus lebte Father John Murphy einige Jahre und bei einem Besuch kannst du in sein Fussstapfen treten. Wie in einer Zeitkapsel wirst du 250 Jahre zurückversetzt, um die Geschichte in jedem Winkel der Anlage wieder zu erleben.
Schlendere durch die alte Molkerei, besichtige die ehemaligen Schweineställe oder posiere mit einem alten Landwirtschaftswerkzeug. Selbstverständlich wurden Murphys Küche und sein Schlafzimmer rekonstruiert.
In einem 30-minütigen Film wird die Geschichte des Hauses Boolavogue und Vater Murphys Rolle in der Revolution von 1798 erläutert.
So, jetzt fragst du dich sicher, was das Ganze mit einem mit Stroh gedeckten Cottage zu tun hat?
Father Murphys Haus wird derzeit (September 2024) mit einem neuen Reetdach versehen. Neben dem Eintauchen in die Geschichte der Rebellion, dem Kaffee und Kuchen, kannst du im Father Murphy Zentrum eines der letzten reetgedeckten Cottages in Irland besuchen.
Bildquelle: Owen J. Dunbar, Facebook
5 Fakten über das traditionelle Cottage in Irland
- 🌾 Ich finde es faszinierend, dass Reetdachhäuser „atmen“ können. Im Gegensatz zu modernen Dachmaterialien nimmt Reet Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab. Das sorgt für eine natürliche Klimaregulierung im Haus.
- 🕰️ überraschend, oder? Ein gut gepflegtes Reetdach kann bis zu 60 Jahre halten. Und das, obwohl man die obere Schicht alle 10 bis 15 Jahre erneuern muss.
- 🐦 Hier kommt der Naturliebhaber in mir durch: Reetdächer sind oft ein Vogelparadies. Verschiedene Vogelarten, sogar seltene, finden hier Nistplätze.
- 🔥 Man könnte denken, Reetdächer sind eine Brandgefahr. Aber moderne Brandschutzmittel können das Risiko eines Feuers erheblich reduzieren.
- 🍀 Früher galten Reetdächer in Irland als Zeichen der Armut. Heute sind sie für mich ein Symbol für Nachhaltigkeit und kulturelles Erbe. Und es gibt sogar Initiativen, die sich für ihren Erhalt einsetzen.
Was denkst du über die traditionellen Cottages in Irland?






Wow, dieser Artikel über traditionelle Cottages in Irland hat mich echt zum Nachdenken gebracht! 🤔 Wusstet ihr, dass Reetdachhäuser 'atmen' können? 🌾 Das sorgt für eine natürliche Klimaregulierung im Haus. Und wer hätte gedacht, dass ein gut gepflegtes Reetdach bis zu 60 Jahre halten kann? 🕰️
Für Naturliebhaber wie mich ist es faszinierend, dass diese Dächer oft ein Vogelparadies sind. 🐦 Habt ihr schon mal ein solches Cottage besucht und Vögel beobachtet?
Und ja, es gibt Vorurteile, dass Reetdächer eine Brandgefahr sind. 🔥 Aber moderne Brandschutzmittel können das Risiko minimieren.
Früher galten sie als Zeichen der Armut, heute sind sie ein Symbol für Nachhaltigkeit und kulturelles Erbe. 🍀 Was denkt ihr? Können diese Cottages gerettet werden? Habt ihr schon mal eines besucht? Was bedeuten sie für euch als Besucher von Irland?